Anonyme Bewerbung: Vor- und Nachteile

Kein Name, kein Foto: Anonymisierte Bewerbungen sollen vor Diskriminierung schützen. Doch tun sie das wirklich? Wie sehen anonyme Bewerbungsunterlagen aus und welche Vor- und Nachteile bietet dieses Verfahren gegenüber dem normalen Bewerbungsprozess?


Das falsche Gesicht, eine junge Frau, die vielleicht schwanger wird oder ein 50-Jähriger, der keine neuen Impulse bringt – einige Angaben in den Bewerbungsunterlagen können oftmals den Bewerbungsprozess beeinflussen und führen dazu, dass Kandidaten bereits in der ersten Bewerbungsrunde scheitern, obwohl die Qualifikationen stimmen. Nicht immer passiert dies durch böswillige Absicht, oft geschehen diese Beeinflussungen unbewusst – durch tief sitzende Vorurteile.

Um vor dieser Diskriminierung im Bewerbungsverfahren zu schützen und Chancengleichheit zu fördern, sollen anonymisierte Bewerbungsverfahren helfen. Allein die Leistung und Eignung eines Bewerbers sollen dabei im Mittelpunkt stehen.

Blind-Date im Bewerbungsverfahren

Bei einer anonymisierten Bewerbung verzichten Bewerber auf personenbezogene Angaben wie Namen, Geburtsdatum, Geschlecht, Herkunft, Familienstand oder Adresse. Der erste Eindruck soll anonym sein, sodass den Unterlagen auch kein Bewerbungsfoto beigefügt wird. In vielen Fällen verzichtet eine anonyme Bewerbung sogar auf Angaben über Abschlüsse und Qualifikationen. Erst, nachdem die Unterlagen gesichtete und potenzielle Kandidaten zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden sind, erhalten die Verantwortlichen die persönlichen Informationen der Bewerber.

Doch wie sinnvoll ist das anonymisierte Bewerbungsverfahren? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus?

Vorteile

  • Chancengleichheit
    Ob Hautfarbe, Religion oder Geschlecht – Bewerber, die mit Vorurteilen kämpfen, haben durch einen anonymisierten Bewerbungsprozess die Chance, durch ihre Qualifikationen zu überzeugen.
  • Effizienzsteigerung
    Da Personaler die Informationen der Bewerber in komprimierter Form erhalten, wird die Sichtung aller Kandidaten vereinfacht.
  • Vergleichbarkeit
    Schlüsselinformationen sind besser ersichtlich und können leichter miteinander verglichen werden.
  • Vielfalt
    Dadurch, dass keine personenbezogenen Daten bekannt sind, können neue Bewerbungsgruppen erschlossen werden.
  • Keine Inspizierung
    Durch die fehlenden Angaben von Namen ist das Ausspionieren von Bewerbern im Internet nicht mehr möglich.

Nachteile

  • Neugestaltung der Bewerbungsunterlagen
    Das anonymisierte Bewerbungsverfahren fordert ein Umdenken in der Gestaltung der eigenen Unterlagen, denn diese müssen im anonymen Verfahren ein neutrales und trotzdem eindeutiges Bild des Bewerbers wiedergeben.
  • Berufsanfänger
    Für Bewerber mit wenig Erfahrung ist das anonymisierte Verfahren ungeeignet, da sie noch nicht über ausreichend Qualifikationen und Stationen im Lebenslauf verfügen, um sich hervorzuheben.
  • Aufschub
    Kritiker sind der Meinung, dass die Diskriminierung nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben werde. Sofern es ein Kandidat in die zweite Runde schafft, in der personenbezogene Daten bekannt sind, greifen spätestens an dieser Stelle die altbekannten und überholten Selektionsmuster.
  • Neue Möglichkeiten der Benachteiligung
    Auch indirekt gelangen Personaler an persönliche Angaben über einen Bewerber. So lassen Jahresangaben des Schul- und Universitätsabschlusses auf ein ungefähres Alter des Bewerbers schließen, private Aktivitäten sowie Zivil- und Wehrdienste können Aufschluss über das Geschlecht geben. Im digitalen Zeitalter, in dem Bewerbungsunterlagen hauptsächlich per Mail verschickt werden, stehen Personalabteilungen mitunter vor dem Problem, eine E-Mail schwärzen zu müssen, da der Name beispielsweise oft Teil der E-Mail-Adresse ist.
  • Bürokratie
    Der bürokratische Aufwand, ein passendes Formular zu erstellen und eine detaillierte Stellenausschreibung zu entwickeln, ist größer als in einem normalen Bewerbungsverfahren.
  • Individualität
    Bei einem anonymisierten Bewerbungsprozess finden der individuelle Berufsweg und die persönlichen Umstände keine Beachtung. Kritiker sind der Meinung, dass es nicht unbedingt aussagekräftig ist, allein die Leistungen zu bewerten.
  • Spezifische Stellen
    Das anonymisierte Verfahren eignet sich nicht, um jede Stelle zu besetzen. Bei der Besetzung von Führungspositionen und kreativ Stellen ist die Anonymität des Kandidaten ebenso hinderlich, wie bei der Besetzung von Stellen, die beispielsweise besondere Sprachkenntnisse erfordern.

Letztendlich muss jedes Unternehmen ein Bewerbungsverfahren verfolgen, das zu ihm und zur ausgeschriebenen Stelle passt.


Bildquelle: Khakimullin Aleksandr/Shutterstock

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