Narzissmus – Wenn Selbstbewusstsein krankhaft wird

Etwa vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind narzisstisch veranlagt, in den Führungsetagen sind es drei- bis viermal mehr. Aber was hat es eigentlich auf sich mit diesem „Narzissmus“?


Narzissmus als Begriff ist derzeit in aller Munde. Experten sprechen in Deutschland sogar von einer narzisstischen Gesellschaft. Während viele Menschen mittlerweile narzisstische Züge aufweisen, leiden schätzungsweise vier Prozent der Bevölkerung unter der krankhaften Form. Und wie Jens Hoffman in der Zeit berichtet, gelangen gerade diese Narzissten auffallend oft in Machtpositionen. Ihm zufolge ist der prozentuale Anteil an Narzissten in den Führungsetagen noch einmal rund drei- bis viermal höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Aber was genau ist eigentlich Narzissmus und wann kann von einer Persönlichkeitsstörung die Rede sein?

Definition: Narzissmus – die übersteigerte Selbstliebe

Es war einmal der Jüngling Narziss, welcher sich beim Anblick seines Spiegelbildes im Wasser so sehr in sich selbst verliebte, dass er bis zu seinem Tod an unstillbarer und verzehrender Selbstliebe leiden sollte. Anstelle seines Leichnams jedoch wurde laut antikem Narziss-Mythos nur eine Blume gefunden – die Narzisse.  Die griechische Sage prägt bis heute den Begriff des Narzissmus und beschreibt dadurch eine krankhafte Persönlichkeitsstörung mit übersteigerter Selbstliebe. Diese NPS (narzisstische Persönlichkeitsstörung) äußert sich unter anderem in folgenden Verhaltensweisen:

  • fehlende Empathie
  • emotionale Kälte
  • Sucht nach Aufmerksamkeit und Bewunderung
  • ständiger Drang, dem sozialen Umfeld zu imponieren
  • bipolares Selbstwertgefühl (nach außen übersteigert, nach innen minderwertig)

In den meisten Fällen wirken Narzissten äußerst selbstbewusst, ja beinahe selbstverliebt. Sie setzen sich gerne in Szene und stehen immer im Mittelpunkt. Doch es gib auch noch eine andere, seltenere und unauffälligere Ausprägungsform der NPS, bei welcher die Betroffenen eher schüchtern und bescheiden wirken. Sie versuchen häufig „unauffällig“ zu beeindrucken, zum Beispiel durch harte Arbeit oder übertriebene Hilfsbereitschaft. Nicht nur an sich selbst, sondern auch an ihre Mitmenschen stellen Narzissten übertriebene sowie unersättliche Ansprüche, die – bei unbehandeltem Krankheitsverlauf – jedoch niemals in Zufriedenheit und Stabilität münden, sondern immer weiter eskalieren.

Achtung: Zu unterscheiden ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung von dem umgangssprachlichen Narzissmus. Auffallend viele Menschen in unserer „narzisstischen Gesellschaft“ zeigen nämlich einen übersteigerten Geltungsdang sowie ein minderwertiges Selbstwertgefühl mit dem ständigen Streben nach Anerkennung. Der Begriff wird daher mittlerweile beinahe inflationär verwendet. Wer jedoch narzisstische Tendenzen zeigt, gehört noch nicht zwangsweise zu den rund vier Prozent der deutschen Bevölkerung mit krankhafter NPS.

Narzissmus – Fluch und Segen für die Arbeitswelt

Die besonderen Eigenschaften eines Narzissten prädestinieren ihn für Macht- und Führungspositionen. Er bringt hierfür „optimale“ Eigenschaften mit, welche für das Unternehmen aber auch zahlreiche Gefahren bergen:

  • Machthunger
  • Leistungsbereitschaft
  • Rücksichtslosigkeit
  • natürliche Dominanz
  • Entscheidungsfreude
  • Gefühlskälte
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Risikofreude
  • Charisma
  • Überzeugungsfähigkeit
  • Manipulation

Um die ersehnte Bewunderung ihres beruflichen Umfelds zu erhalten, sind Narzissten häufig besonders fleißig und leistungsbereit. Sie opfern sich selbst nur allzu gerne für ihren Beruf auf – und erklimmen dementsprechend schnell die Karriereleiter. Ihre Opferbereitschaft betrifft aber leider auch ihre Mitmenschen: Ein Narzisst ist nicht selten ein Meister darin, Empathie vorzuspielen und Menschen von sich zu begeistern. Sie wirken selbstbewusst und verfügen über eine faszinierende Ausstrahlung. Einmal in den Bann gezogen, nutzen Narzissten ihre Teamkollegen oder Mitarbeiter dann, um sie gezielt zu manipulieren und rücksichtslos ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Aus diesem Grund sind Narzissten in Führungspositionen Chance und Gefahr zugleich.

Führungsetagen bräuchten „bescheidene Narzissten“

Wie bereits erwähnt, gibt es auch eine andere Ausprägungsform: den „bescheidenen“ Narzissmus. Diese ganz besondere und sehr seltene Form der Persönlichkeitsstörung – oder dementsprechende Tendenzen – wäre in der Theorie die optimale Voraussetzung für eine Führungskraft. Narzissten sind nämlich wertvoll für das Unternehmen, da sie die Mitarbeiter mobilisieren und mitreißen können. Sie können etwas bewegen, Fortschritt erwirken und einen positiven Wettstreit zwischen den Angestellten entfachen. Gefährlich wird es allerdings, wenn ein Narzisst die Realität aus den Augen verliert oder auf Kosten des Unternehmens und der Mitarbeiter ausschließlich seine eigenen Ziele verfolgt. Dabei geht er häufig ohne Rücksicht auf Verluste vor, was einhergehend mit einer hohen Machtposition für das Unternehmen existenzbedrohend enden kann.

Haben auch Sie Narzissten in Ihrem beruflichen Umfeld oder sogar als direkten Vorgesetzten? Welche Erfahrungen haben Sie mit der Persönlichkeitsstörung bereits gemacht? Wir freuen uns auf Ihren Beitrag zum Thema „Narzissmus“ in den Kommentaren!


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