Downshifting: Weniger Arbeiten, mehr leben

Immer mehr Menschen verringern ihre Arbeitszeit mit dem Ziel, ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen – Downshifting heißt das im Fachjargon. Doch was genau versteht man darunter und aus welchen Situationen heraus entscheiden sich Menschen zum Dowhnshifting? Dr. Bernd Slaghuis, Karriere- und Business-Coach aus Köln, beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das Thema und verrät, warum viele Arbeitgeber und Chefs mit dem Wunsch eines Mitarbeiters, kürzer zu treten, nicht umgehen können. 


Was bedeutet Downshifting für Sie?

Downshifting ist das bewusste, gezielte Runterschalten und Kürzertreten im Beruf. Im Gegensatz zum weiteren Aufstieg auf der Karriereleiter kann es beim Downshifting auch um einen oder mehrere Schritte zurück gehen. Downshifting bedeutet nicht immer, weniger zu arbeiten, sondern für viele Downshifter geht es um die bewusste Entscheidung, mit dem nächsten Karriereschritt zu mehr Selbstbestimmung und damit zu mehr Kontrolle über die eigene Zeit, stärkerer Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit und zu größerer Freiheit im Beruf und im Leben zu gelangen.

Downshifting kann verschiedene Formen annehmen: Neben dem Schritt auf der Karriereleiter nach unten können auch die Ablehnung einer Beförderung, die Verringerung der Arbeitszeit, ein Wechsel der Position innerhalb des Unternehmens und auch der Schritt in die Selbständigkeit ein bewusstes Downshifting bedeuten. Auch die Entscheidung, vorzeitig aus dem Arbeitsleben auszusteigen und damit auf Einkommen oder Rentenansprüche zu verzichten, ist eine Form des Downshiftings.

Warum zeichnet sich in unserer Gesellschaft immer häufiger der Wunsch ab, der Arbeit weniger Raum zu geben?

Die Bedeutung von Karriere hat sich in den letzten Jahren verändert. Was früher der Wettbewerb der Köpfe um Status und Macht war, das ist heute der Wettbewerb mit uns selbst. Selbstverwirklichung, Herausforderung und Anerkennung sind heute wichtige Werte, die viele Berufstätige mit Karriere verbinden, so ein Ergebnis meiner Karriere-Studie, die ich Ende letzten Jahres durchgeführt habe.

Es geht nicht mehr ausschließlich um den möglichst rasanten Aufstieg im Beruf, sondern Arbeit ist längst integraler Bestandteil des Lebens geworden. Es geht um das eigene Bewusstsein, was wirklich wichtig ist – in beiden Bereichen. Hier erkennen viele Menschen heute, dass Zeit mit der Familie oder die Erfüllung von Träumen und Zielen außerhalb des Jobs für Zufriedenheit und Glück ebenso oder sogar wichtiger sind als Erfolg und Aufstieg im Beruf.

31 Prozent der Befragten meiner Karriere-Studie gaben an, ihre Arbeitszeit reduzieren zu wollen, auch wenn dies mit einer Verringerung des Einkommens verbunden wäre. 14 Prozent würden gerne ihre Arbeitszeit erhöhen. Ein klares Signal an Arbeitgeber, dass Arbeit heute ungleich verteilt ist und eine weitere Flexibilisierung sowie die Einführung innovativer Arbeits-Lebenszeit-Konzepte notwendig sind.

Aus welchen Situationen heraus entscheiden sich Menschen zum Downshifting?

Die meisten Menschen, die mit diesem Anliegen zu mir in die Karriereberatung kommen und einen Weg suchen, im Beruf kürzer zu treten und unter dieser Prämisse einen neuen Arbeitgeber zu finden, haben oftmals ein einschneidendes Erlebnis hinter sich. Ob ein Burnout mit Auszeit und psychologischer Behandlung, eine gravierende Veränderung im familiären Umfeld oder nach einer überraschenden Kündigung durch den Arbeitgeber: Allen Downshiftern ist klar geworden, dass sie etwas verändern müssen und dass sie der Arbeit im Leben bisher viel zu viel Platz geschenkt haben.

Die meisten Downshifter, die ich kennenlerne, sind Ende 40 bis Anfang 50 und blicken auf eine von außen gesehen gute Karriere zurück. Sie befinden sich in einer Karriere-Phase, die besonders durch die Frage nach Sinnerfüllung und Identifikation geprägt ist. Sie reflektieren stark ihre bisherige Entwicklung und stellen sich die Frage, was wirklich das Richtige für sie ist und ihnen Erfüllung für die nächsten Jahre bis zum Ausstieg aus dem Arbeitsleben geben kann.

Nochmals: Es geht beim Downshifting nicht nur um die schnöde Reduzierung von Wochenarbeitszeit, sondern um eine ganzheitliche Sicht auf Leben und Beruf. Es geht um die Werte und Ziele eines Menschen, die ihm heute und in den nächsten Jahren besonders wichtig sind. Die Ablehnung einer Beförderung oder die Reduzierung der Führungsspanne sind kein Zeichen von Faulheit oder Schwäche, sondern die eigene Erkenntnis, dass mit diesem Schritt wieder stärker erfüllt ist, was wichtig ist.

Welche Voraussetzungen sollten für ein Downshifting erfüllt sein?

Ein solcher Schritt sollte nicht aus einer fixen Laune heraus entschieden werden. Auch ein momentan hoher Jobfrust, eine Zeit immenser Arbeitsbelastung oder akute Überforderung sind schlechte Ratgeber, einfach hinzuschmeißen und den Schritt zurück zu gehen.

Wichtig ist, die echte Motivation für ein Downshifting zu erkennen und über die Konsequenzen nachzudenken. Was wird anders sein, wenn Sie diesen Schritt gegangen sind und was versprechen Sie sich tatsächlich davon? Inwiefern zahlt dieser Schritt wirklich auf Ihre Ziele der nächsten Jahre ein? Downshifting sollte kein Weglaufen oder Scheitern, sondern ein bewusstes Hin-zu als gewünschte und attraktive Entwicklung sein.

Jeder Downshifter erscheint als Bewerber für einen potenziellen neuen Arbeitgeber als überqualifiziert. Wichtig ist daher die eigene Haltung als Downshifter und Jobwechsler: Denn nur wer Klarheit über sich selbst und seine Beweggründe einer Veränderung hat, kann diese Klarheit auch nach außen, z.B. im Bewerbungsgespräch, glaubhaft vermitteln.

Wie sind Unternehmen auf diesen Trend eingestellt?

Viele Arbeitgeber und Chefs können mit dem Wunsch eines Mitarbeiters, kürzer zu treten, nicht umgehen. Zu schnell geht immer noch die Schublade des Schlechtleisters und Schwachen auf, der es nicht mehr schafft. Anders als etwa in skandinavischen Ländern ist diese Karriereentwicklung nach unten oder zur Seite auf der Karriereleiter in vielen Unternehmen heute (noch) nicht vorgesehen.

Für die meisten Downshifter in meiner Coaching-Praxis steht fest: Sie müssen den bisherigen Arbeitgeber verlassen, um erfolgreich diesen nächsten Karriereschritt zu gehen. Die Unternehmen verlieren auf diese Weise meist einen hoch qualifizierten Mitarbeiter, der einen intensiven Reflexionsprozess hinter sich hat und weiß, was ihm wichtig ist sowie auf sich und seine Gesundheit achtet.

Ich beobachte jedoch in den letzten Jahren, dass immer mehr Unternehmen und ihre Verantwortlichen in den Personalabteilungen erkennen, dass sie neue Formen der Karriereentwicklung akzeptieren, ja sogar aktiv fördern müssen. Die Identifikation von Angestellten mit dem eigenen Arbeitgeber sinkt immer weiter, die Wechselbereitschaft ist in Zeiten einer guten Arbeitsmarktlage auf hohem Niveau. Die Neubesetzung von Stellen wird in bestimmen Regionen und Branchen immer schwieriger und damit teurer. Halten statt Auswechseln muss HR-Strategie werden. Mitarbeiterbindung wird meiner Meinung nach zu einer der wichtigsten Herausforderungen für Unternehmen der nächsten Jahre. Und hierzu zählt auch, Mitarbeitern mit Downshifting-Wunsch eine Zukunft im Unternehmen zu bieten sowie Prozesse und eine Unternehmenskultur zu etablieren, die dies nicht nur erlauben, sondern fördern.


Bildquelle: Mikhail hoboton Popov/Shutterstock


Dr. Bernd Slaghuis ist Karriere- und Business-Coach in Köln und hat sich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeitet er an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstützt er, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Er hält Vorträge, gibt Seminare und moderiert Workshops. Sein Blog „Perspektivwechsel“ zählt heute zu einem der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs.