Grundeinkommen: Erlaubnis zum Faulsein?

In vielen Ländern wird es derzeit diskutiert – in einigen sogar bereits ausprobiert: Die Sprache ist vom bedingungslosen Grundeinkommen. Auch in Deutschland wird der öffentliche Ruf nach diesem Modell immer lauter. Aber wieso eigentlich? Und ist so ein Grundeinkommen nicht quasi die Erlaubnis, um seinen Job an den Nagel zu hängen und faul zu sein?


Mehrere hunderte oder sogar tausende Euro pro Monat, ohne dafür auch nur einen Finger krumm machen zu müssen – das klingt natürlich für fast jeden Menschen verlockend. Schließlich verspricht dieses bedingungslose Grundeinkommen finanzielle Entlastung und vor allem Sicherheit. Tatsächlich gibt es bereits Länder auf der Welt, die ein solches Grundeinkommen planen, testen oder sogar bereits dauerhaft eingeführt haben. Dazu gehören zum Beispiel

  • Brasilien
  • Finnland
  • Holland
  • Iran
  • Kanada
  • Kenia
  • Namibia sowie
  • einige Kantone der Schweiz.

Dennoch wurde das flächendeckende Grundeinkommen in der Höhe von 2.500 Franken pro Erwachsenem und 625 Franken pro Kind in der Schweiz vergangenes Jahr per Volksentscheid abgelehnt. In den meisten der genannten Länder bezieht bislang nur ein kleiner Teil der Bevölkerung (testweise) das Grundeinkommen – und das meist in einer zu geringen Höhe, um davon vollständig leben zu können. Aber wieso eigentlich? Steckt dahinter die Angst vor der „kollektiven Faulheit“?

Wie funktioniert das Konzept „bedingungsloses Grundeinkommen“?

Das bedingungslose Grundeinkommen soll in erster Linie dem Zweck dienen, alle im Land vorhandenen Sozialleistungen wie das Arbeitslosen-, Kinder-, Krankengeld oder die Sozialhilfe zu ersetzen und damit die Bürokratie enorm zu verschmälern. Wie genau das bedingungslose Grundeinkommen aber gestaltet wird, kann dabei von Land zu Land sehr unterschiedlich sein. So dienen die rund 700 Euro testweise ausgezahltes Grundeinkommen in Finnland genau diesem Zweck der Grundsicherung anstelle von Sozialleistungen, während das in der Schweiz geforderte (aber abgelehnte) Grundeinkommen dem Ansatz hätte folgen sollen: Jedem Menschen soll der Lebensunterhalt großzügig gesichert sein, sodass er frei entscheiden kann, ob er überhaupt noch arbeiten geht und in welchem Ausmaß. Prinzipiell werden vier Konzepte eines bedingungslosen Grundeinkommens unterschieden:

1. Negativbesteuerung des Einkommens: Bei diesem ersten Konzept hängt das bedingungslose Grundeinkommen direkt mit der Einkommenssteuer zusammen. Das bedeutet also: Wer Steuern zahlt, erhält darauf Negativzinsen, sprich eine Art Grundeinkommen. Dies wirkt der Befürchtung entgegen, die Bezieher könnten ihren Job an den Nagel hängen.

2. Ulmer Transfergrenzenmodell: Ganz anders sieht es bei dem zweiten Modell aus. Das sogenannte Ulmer Transfergrenzenmodell sieht vor, dass jedem Bürger des Landes ein Existenzminimum gewährt wird. Das Grundeinkommen könnte also auch als eine Art Bürgergeld bezeichnet werden. Finanziert werden soll dieses Bürgergeld durch vom Bruttoeinkommen abhängige Steuerabgaben. Wer also viel verdient, bekommt dadurch indirekt etwas weniger Grundeinkommen, wer weniger verdient etwas mehr.

3. Solidarisches Bürgergeld: Das solidarische Bürgergeld unterscheidet sich vom Ulmer Transfergrenzenmodell durch die Finanzierung des flächendeckenden Grundeinkommens. Vorgesehen sind etwa 800 Euro brutto als Existenzminimum für jeden Bürger inklusive einer gesetzlichen Basis-Krankenversicherung. Finanziert werden könne dieses Bürgergeld allein durch die Einsparungen in der Bürokratie des bislang gültigen Sozialsystems, so die Befürworter des solidarischen Bürgergeldes. 735 Milliarden Euro pro Jahr koste dieses den deutschen Staat nämlich bisher, nur 593 Milliarden Euro wären es hingegen mit dem Grundeinkommen, so Althaus (Entwickler des Althaus-Modells).

4. Wertschöpfungssteuer: Das letzte Konzept sieht vor, das Sozialsystem fortan statt durch die Einkommens- aus einer Wertschöpfungssteuer zu finanzieren. Gleichzeitig sollen weiterhin (steuerliche) Arbeitsanreize gesetzt werden. Nur so könne auf die Veränderungen der Arbeits- und Lebenswelt der Gesellschaft (Digitalisierung, Vereinbarkeit von Kind und Karriere, zunehmende Jobunsicherheit durch befristete Arbeitsverträge usw.) optimal eingegangen werden, so die Überzeugung.

Grundeinkommen in Deutschland – realistisch oder Utopie?

In Deutschland verfügen wir über ein ausgefeiltes Sozialsystem. Zahlreiche verschiedene Unterstützungsgelder können beantragt und je nach Bedarf kombiniert werden. Hinzu kommt das staatliche Rentensystem. Alles in allem ergibt sich daraus geradezu ein unübersichtliches Wirrwarr aus Bürokratie und nicht selten vergehen vom ersten Antrag bis zur Auszahlung der Unterstützungsgelder viele Monate. Klar, dass das für den deutschen Staat vor allem eines bedeutet: hohe Kosten. Hochrechnungen von Experten kommen daher immer wieder zu dem Ergebnis: Ja, ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland als Ersatz für alle (!) anderen Sozialleistungen ist durchaus realistisch und nicht nur finanzierbar, sondern je nach Höhe dieses Grundeinkommens sogar günstiger als unser aktuelles System. Woran es also eher fehlt, ist der Mut, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Vielleicht aus der Angst heraus, dass die deutsche Gesellschaft dann in eine Art „kollektive Faulheit“ verfallen könnte.

Macht bedingungsloses Grundeinkommen nun also faul oder nicht?

Auch hier gibt es dank zahlreicher Pilottests, zum Beispiel in Finnland, eine klare Antwort: Nein! Bei einem Grundeinkommen, welches nicht über das Existenzminimum hinausgeht, ist die Furcht vor einer „kollektiven Faulheit“ absolut unbegründet. Schließlich widerstrebt es den meisten Mitgliedern unserer kapitalistischen Gesellschaft, (dauerhaft) jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen. Stimmen die Arbeitsanreize, werden dennoch viele Menschen eine Karriere anstreben und ihr Einkommen dadurch aufbessern wollen. Und vor allem die schlechter bezahlten Berufe, zum Beispiel im sozialen Bereich, könnten davon profitieren, wenn die Menschen ihren Job wieder mehr nach Kriterien wie Sinn oder Leidenschaft auswählen anstelle eines hohen Einkommens.

Oder was denken Sie? Würden Sie Ihren Job an den Nagel hängen, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe? Halten Sie es für wünschenswert? Und realistisch?


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