Karriereweg Berufsausbildung

Seit Jahrzehnten gilt das Studium im Anschluss an das Abitur als das Karriere-Nonplusultra. Die Vernachlässigung der Ausbildungsberufe wird nun durch einen massiven Fachkräftemangel deutlich.


  • Derzeit gibt es in Deutschland 328 verschiedene anerkannte Ausbildungsberufe
  • 1971 waren es noch 606, die Zahl geht seitdem immer mehr zurück
  • 2015 wurden rund 522.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen
  • Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze lag bei mehr als 560.000
  • Im Osten Deutschlands verdienen Azubis durchschnittlich 769 Euro im Monat
  • Im Westen Deutschlands verdienen Azubis durchschnittlich 832 Euro im Monat

(Quelle: www.statista.de)

Fachkräftemangel verändert den Arbeitsmarkt

Wohin man auch schaut, in nahezu allen Branchen sieht man derzeit das gleiche Bild: Vorgesetzte suchen händeringend nach Fachkräften. Besonders betroffen sind die Bereiche Gastronomie/Hotellerie und Pflege sowie diverse Handwerksberufe. Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit hat ergeben, dass personelle Engpässe im Fall von Fachkraftberufen häufiger vorkommen als im akademischen Sektor. Eine Prognose des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales geht davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt an den Fachkräftemangel anpassen und weniger Stellen anbieten wird. Der dadurch entstehende Ausgleich kann jedoch nicht als positive Entwicklung bezeichnet werden.

Doch wie kam es eigentlich zu dieser Entwicklung? Warum wollen immer weniger junge Menschen eine Berufsausbildung machen und schlagen stattdessen den akademischen Weg ein?

Gesellschaftliche Veränderungen sorgen für Veränderungen in der Arbeitswelt

Der Rückgang des Interesses an einer Ausbildung (und damit verbunden der Siegeszug des Studiums) hängt eng mit diversen gesellschaftlichen Veränderungen zusammen. Nachdem die Schäden des 2. Weltkriegs beseitigt waren, konnte sich Deutschland in den 1950er Jahren wieder in eine positive (wirtschaftliche) Richtung entwickelt. Der Wohlstand wuchs und mit ihm auch die Mittelschicht. Diese wollte in eine gute Zukunft investieren und dem Nachwuchs die bestmögliche Ausbildung ermöglichen. Im Zuge dessen erlangte das Studium und das Einschlagen einer akademischen Laufbahn mehr und mehr Bedeutung.

Heute erwerben 50 Prozent aller Schulabgänger das Abitur und damit die Hochschulreife – mehr als jemals zuvor. Hinzu kommt außerdem, dass die meisten Gymnasien den Schülern dazu raten, nach der Schule eine Universität zu besuchen. Berufsausbildungen oder ein duales Studium (also die Kombination aus beiden Wegen) werden eher selten als Alternativen aufgezeigt.

Ein Plädoyer an die Berufsausbildung

Die Aussicht auf zahlreiche freie Stellen sorgt im Moment dafür, dass das Interesse an einer Berufsausbildung wieder steigt. Doch ein fast schon garantierter Ausbildungsvertrag ist nicht der einzige Vorteil, den dieser Karriere-Weg mit sich bringt.

  • Die Nähe zur Praxis
    Viele Hochschul-Absolventen beklagen nach ihrem Abschluss, dass sie nicht ausreichend auf die spätere Berufspraxis vorbereitet wurden. Das Wissen, das während des Studiums vermittelt wurde, ist in den meisten Fällen ausschließlich theoretischer Natur und hat nur wenig mit dem tatsächlichen Berufsalltag zu tun. Ganz anders verhält es sich im Fall einer Ausbildung. Hier kommen die Azubis ab dem ersten Tag mit dem Beruf in Kontakt. Getreu dem Motto „Learning by doing“ gilt es, anzupacken und dadurch für das spätere Berufsleben zu lernen.
  • Verschiedene Möglichkeiten
    Nach der Ausbildung ist vor dem knallharten Berufseinstieg? Nicht unbedingt. Wer will und die nötige Hochschulreife vorweisen kann, kann nach der Ausbildung auch noch ein spezialisierendes Studium anschließen und sich dadurch umfassend auf den Beruf vorbereiten. Darüber hinaus können nach diesem ersten Karriere-Schritt auch diverse Weiterbildungen angehängt werden, um das Wissen in einem bestimmten Gebiet zu vertiefen. Die Möglichkeiten sind vielfältiger als von vielen angenommen.

    Info: Je mehr man sich während und nach der Ausbildung spezialisiert, desto größer sind die späteren Verdienstchancen.

  • Finanzielle Unterstützung
    Oftmals wird im Hinblick auf die Berufsausbildung kritisiert, dass Unternehmen ein viel zu geringes Lehrlingsgehalt zahlen. Das mag im Einzelfall durchaus stimmen, doch haben Azubis auch verschiedene Möglichkeiten, ihr monatliches Gehalt aufzustocken. Vom Schüler-BAföG über die Berufsausbildungsbeihilfe bis hin zum Nebenjob ist vieles machbar. Generell sollte auch beachtet werden, dass Auszubildende meist mehr finanzielle Unabhängigkeit genießen als Studierende.
  • Vereinfachter Berufseinstieg
    Während Studenten oftmals große Angst vor dem Berufseinstieg haben und erst einmal diverse Praktika absolvieren müssen, können Auszubildende nach dem Abschluss sofort durchstarten. Die Mehrheit bleibt im Ausbildungsbetrieb. Doch auch wenn dieser nicht bereit ist, die ehemaligen Azubis zu übernehmen, gibt es meist gute Chancen, anderswo Fuß zu fassen. Die mehrjährige Praxiserfahrung ist hier Trumpf.
  • Hohes Ansehen im Ausland
    Gerade das deutsche Handwerk, aber auch viele andere berufliche Qualifikationen sind im Ausland heiß begehrt. Wer einen entsprechenden Ausbildungsabschluss aufweisen kann, hat schon gewonnen. Es muss kein Bachelor oder Master sein, um im Ausland beruflich Fuß zu fassen.

Sie sehen: Auch wenn das Studium derzeit der beliebteste Karriereweg ist, ist er nicht der einzige. Es gibt durchaus ein paar Aspekte, die dafür sprechen, eine Berufsausbildung zu absolvieren.


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