Kürzere Arbeitszeiten für Führungskräfte – realistisch oder nicht?

Deutsche Führungskräfte wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Doch wie realistisch ist diese Forderung und wie ließe sie sich im Unternehmensalltag umsetzen?

Wer in einem deutschen Unternehmen hierarchisch aufsteigen möchte, muss viel arbeiten. Sehr viel. So lautet zumindest die weit verbreitete Meinung. Während die meisten Arbeitnehmer hierzulande ohnehin 35 bis 40 Stunden pro Woche arbeiten, zählen Führungskräfte in der Regel auch noch eine Menge Überstunden. 50 oder sogar 60 Arbeitsstunden pro Woche werden da schnell zur Normalität. Diese wieder ausgleichen? Das ist, wenn überhaupt, meist nur teilweise möglich. In einigen Firmen wird die Arbeitszeit nicht einmal mehr dokumentiert, sodass die Führungskräfte keinen direkten Ausgleich für ihre Überstunden erhalten, sondern diese mittels Gehalt abgegolten sind. Dies kann mit Hilfe einer entsprechenden Vertragsklausel geregelt werden oder auch mit Modellen wie der Vertrauensarbeitszeit. Und wenn Sie als Führungskraft dann doch einmal Freizeit, ein Wochenende oder sogar Urlaub haben, klingelt meist ständig das Handy oder Sie müssen eine Flut von E-Mails beantworten. Auch die ständige Erreichbarkeit wird ab einer gewissen hierarchischen Stufe nämlich in vielen Betrieben vorausgesetzt. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Der Fachkräftemangel spielt deutschen Führungskräften in die Karten

Noch vor kurzer Zeit hätten Sie diese Frage verneinen müssen. Wer im Beruf erfolgreich sein möchte, muss dafür brennen und sein Privatleben sowie unter Umständen seine Gesundheit hinten anstellen, so lautete bislang das Motto. Doch der Fachkräftemangel rückt die Führungskräfte in eine bessere Verhandlungsposition und erwirkt bei deutschen Arbeitgebern ein Umdenken – wenn auch sehr langsam. Sie verstehen, dass gerade Fach- und Führungskräfte heutzutage jederzeit problemlos ihren Job wechseln können. Das bedeutet: Wer in der aktuellen Anstellung unzufrieden ist, nimmt kurzerhand ein anderes Jobangebot an. Und mit der Führungskraft geht dann auch das Knowhow zur Konkurrenz. Ein Fall, den es natürlich zu vermeiden gilt. Mittlerweile lautet die Antwort auf die Frage daher: Ja, zumindest in der Theorie gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma. Aber wie sieht dieser aus?

Kürzere Arbeitszeiten für Führungskräfte? Wieso nicht!

Bislang war es in vielen Betrieben beinahe undenkbar, mit einer Teilzeitregelung oder einem flexiblen Arbeitsmodell wie der Remote Work eine Führungsposition zu übernehmen. Für Frauen bedeutete das oftmals die Wahl zwischen Kind oder Karriere. Und auch für Männer gab es nur entweder ein Privatleben oder den beruflichen Aufstieg. Doch Teilzeitführung wird immer mehr zur Realität und eigentlich klingt das Modell auf dem Papier logisch: Eine wirklich gute Führungskraft macht sich ohnehin selbst überflüssig, indem sie ihre Mitarbeiter zum eigenständigen Arbeiten ermutigt und eine klare Kommunikation bezüglich der Aufgaben, Deadlines & Co pflegt, anstatt in Mikromanagement zu verfallen. Ein Konzept, das in der Praxis leider allzu selten umgesetzt wird. Denn die betreffenden Führungskräfte befürchten, sie könnten sich durch diese Arbeitsweise selbst überflüssig machen und dadurch ihren Job gefährden. Zum Glück lässt diese eigentlich unbegründete Furcht unter Führungskräften angesichts des Fachkräftemangels endlich nach und damit werden die Türen für neue Arbeitsmodelle wie die Teilzeitführung geöffnet.

Deutsche Führungskräfte wünschen sich sechs Stunden weniger Arbeit

Wieso das Ganze, fragen Sie sich nun? Ganz einfach: Laut Führungskräfte-Monitor arbeiten männliche Manager in Deutschland mindestens 44 Stunden pro Woche. Bei den Frauen sind es durchschnittlich 36 Stunden. Rund ein Viertel der männlichen Führungskräfte haben sogar eine Durchschnittsarbeitszeit von über 50 Stunden pro Woche. Alles in allem gaben die betroffenen Damen und Herren in einer Umfrage an, gerne sechs Stunden weniger pro Woche zu arbeiten. Plump ausgedrückt wünschen sie sich also eine Reduktion der Arbeitszeit auf ein durchschnittliches bis unterdurchschnittliches Niveau. Eine Führungsposition trotz 30-Stunden-Vertrag? Das klingt sowohl in den Ohren weiblicher Führungskräfte als auch in jenen der Männer attraktiv.

Wie realistisch ist die Teilzeitführung wirklich?

Anders bei den Arbeitgebern: Sie assoziieren den Wunsch von Mitarbeitern nach einer Reduktion der Arbeitszeit viel zu häufig noch mit mangelnder Motivation. Nicht selten bedeutet das zugleich die Disqualifikation für eine Führungsposition. Viele Führungskräfte trauen sich daher nicht einmal, ihren Wunsch anzusprechen. Zu hoch ist die Angst vor einem Imageschaden und einer daraus resultierenden Stagnation ihrer Karriere. Dabei wäre eine Reduktion der Arbeitszeit oder zumindest deren Flexibilisierung in Zeiten der Digitalisierung problemlos möglich. Und angesichts des Fachkräftemangels wird die Teilzeitführung im Rahmen des Employer Brandings auch zunehmend an Bedeutung für die Personalpolitik gewinnen. Doch leider scheint es zum Stand heute bis dahin noch ein weiter Weg zu sein.

Oder was denken Sie?


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