Mitarbeiterbindung – Sollten sich Angestellte mit dem Unternehmen identifizieren?

Mitarbeiterbindung sollte für Führungskräfte ein großes Thema sein. Die Rechnung ist simpel: Unzufriedene Mitarbeiter gehen. Zufriedene Arbeitnehmer, die ihren Job lieben, bleiben.

Der Fachkräftemangel stellt viele deutsche Unternehmen hinsichtlich ihrer Recruiting-Strategien aktuell vor ein Rätsel. Was bislang funktioniert hat, bleibt plötzlich erfolglos und in einigen Sparten wie der IT scheint es kaum noch potenzielle Kandidaten geben – und wenn, dann sind sie mit großer Wahrscheinlichkeit schon bei der Konkurrenz unter Vertrag und nur wenig wechselwillig. Wer die Fachkräfte der Zukunft für sich gewinnen will, braucht innovative Ideen und ein kreatives Employer Branding. Eine häufig eingesetzte Strategie ist die der Sicherheit. Unternehmen versprechen den potenziellen Bewerbern und Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz. Unbefristete Arbeitsverträge, ein familiäres Arbeitsklima und eine persönliche Förderung durch den Vorgesetzten sollen eine Basis des Vertrauens schaffen – in der Hoffnung, den Trend des „Jobhopping“ umgehen und stattdessen zum guten alten „Industriebeamtentum“ zurückkehren zu können. Doch wie sinnvoll ist eine solche Strategie? Wie sehr sollten sich Mitarbeiter mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, diesen quasi als „Familie“, sozialen Rückhalt oder eben Teil ihrer Identität betrachten? Und wann ist zu viel einfach zu viel – vielleicht sogar schädlich?

Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis

Um die erste Frage zu beantworten: Die Strategie, beim Employer Branding auf Sicherheit zu setzen, ist durchaus sinnvoll. Denn jedem Fortschritt zum Trotz, steckt in uns Menschen noch der Instinkt aus Zeiten der Höhlen, Jäger und Sammler und damit auch der große Drang nach Sicherheit. Es liegt in unserer Natur, uns geborgen und beschützt fühlen zu wollen. Früher waren dafür eben die besagte Höhle sowie die soziale Gemeinschaft zuständig. Heutzutage sind es Faktoren wie die Familie oder finanzielle Sicherheit. Ein vermeintlich sicherer Job mit unbefristetem Arbeitsvertrag kann also ein wichtiges menschliches Grundbedürfnis stillen und klingt dadurch in den Ohren vieler Deutscher durchaus verlockend. Selbst die angeblich so risikofreudige und unabhängige Generation Y lässt sich zu großen Teilen von dem Slogan der Sicherheit locken – notfalls sogar im Tausch gegen ein etwas geringeres Gehalt oder weniger flexible Arbeitszeitmodelle als bei der Konkurrenz. Zudem kann sich nur ein Arbeitnehmer, der seinem Arbeitgeber vertraut, am Arbeitsplatz als Persönlichkeit entfalten, weiterentwickeln und dadurch das Beste aus sich herausholen.

Wo liegt der Unterschied zwischen Vertrauen und Identifikation?

Es ist also eine gute Sache, wenn der Mitarbeiter seinen Job als sicher empfindet und seinem Arbeitgeber insofern vertraut, als dass er nicht bei jeder Kleinigkeit um seinen Job fürchtet. Einen Tag oder auch eine Woche krank sein? Verrückte Ideen im Meeting ansprechen? Seine Meinung äußern, wenn es im Team Konflikte gib? Solche Dinge traut sich nur ein Mitarbeiter, der sich seiner selbst sowie seiner Anstellung sicher fühlt. Auf lange Sicht sind nur auf diese Art und Weise gesunde sowie motivierte Mitarbeiter möglich. Doch es gibt auch Grenzen. Sich mit dem Arbeitgeber zu identifizieren, ist nämlich eine andere Sache, als ihm zu vertrauen. Gemäß psychosozialer Definition handelt es sich bei der Identifikation um einen Prozess, bei welchem eine Person mit einer anderen Person, einer Gruppe oder einem Unternehmen in ihren Meinungen sowie dem Lebensgefühl übereinstimmt. Mitarbeiter, die sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, übernehmen also dessen Überzeugungen, Werte, Meinungen & Co – häufig sogar, ohne diese zu hinterfragen. Was eine solche Einstellung anrichten kann, wurde bereits im Dritten Reich erschreckend unter Beweis gestellt. Wenn das Unternehmen beim Mitarbeiter also zu einem Teil seiner Identität als Mensch wird, kann das zu ungeahnten Problemen führen.

Identifikation darf nicht zur Konformität werden

Ein gewisser Grad an Identifikation ist aus Arbeitgebersicht also wünschenswert, denn je mehr ein Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz im Unternehmen als Teil seiner Identität begreift, umso fester ist seine Bindung. Stichwort: Loyalität. Doch diese Identifikation darf nicht in Konformität resultieren, sprich der beinahe militärischen Gleichheit, vollkommenen Übereinstimmung und exzessiven Angepasstheit der Arbeitnehmer. Stattdessen muss eine Vertrauensbasis kreiert werden, in welcher sich die Mitarbeiter sicher genug fühlen, um ihre Individualität zu leben. Denn nur so sind Kreativität und Innovation überhaupt möglich. Die Antwort auf die Frage, ob sich Angestellte mit dem Unternehmen identifizieren sollten, ist daher ein klares: Jein!

Was denken Sie? Wie viel Identifikation mit dem Arbeitgeber ist gut und wo sollten die Grenzen liegen?


 Bildquelle: VGstockstudio/Shutterstock