Recruiting: Warum lehnen Bewerber ein Jobangebot ab?

Es gibt verschiedenste Gründe, weshalb Fachkräfte ein Jobangebot ablehnen – obwohl sie sich vielleicht selbst beworben haben. Was bedeutet das für Recruiter?

Der Fachkräftemangel hat in einigen Branchen bereits Einzug gehalten und wird sich in naher Zukunft noch deutlich verstärken. Für das Recruiting vieler Unternehmen bedeutet das große Probleme bei der Mitarbeitergewinnung. Auf Stellenausschreibungen mangelt es an Bewerbungen und Strategien wie das Einschalten eines Headhunters oder Employer Branding Events sind nicht immer vom gewünschten Erfolg gekrönt. Dass Jobangebote abgelehnt werden, wenn Sie entsprechende Fachkräfte beispielsweise über soziale Netzwerke von der Konkurrenz abwerben wollen, ist keine Seltenheit. Doch wieso sagt ein Bewerber „Nein“, obwohl er Ihnen von selbst seine Unterlagen zugesandt hat und offensichtlich wechselwillig, arbeitslos oder aus anderen Gründen auf Jobsuche ist?

Für viele Recruiter ist ein solches Szenario äußerst verwirrend: Sie erhalten eine Initiativbewerbung oder Bewerbung auf eine ausgeschriebene Vakanz, führen ein Vorstellungsgespräch oder sogar Assessment Center durch und bieten dem Bewerber daraufhin den Job an – doch anstelle der erwarteten Freude folgt ein „Nein“. Manchmal meldet sich der Bewerber auch bereits nach dem Vorstellungsgespräch oder zu einem anderen Zeitpunkt des Bewerbungsprozesses, bevor er eine Zusage erhält, um freiwillig auszuscheiden. Dahinter kann ein anderes Stellenangebot stecken, muss es aber nicht. Welche weiteren Gründe sind möglich?

Wieso sagt ein Bewerber nach dem Vorstellungsgespräch ab?

Bekundet ein Bewerber nach dem persönlichen Kennenlernen plötzlich kein Interesse mehr, lag das mit großer Wahrscheinlichkeit an Fehlern der Recruiter oder Vorgesetzten im Bewerbungsgespräch. Es ist daher interessant, die Beweggründe der Absage zu identifizieren, um selbige Fehler in Zukunft zu vermeiden. Eine auf Statista veröffentlichte Umfrage bietet hierfür spannende Anhaltspunkte. Dementsprechend ist der häufigste Grund für eine Absage nach dem Vorstellungsgespräch der zukünftige Vorgesetzte. So würden 72 Prozent der Jobsuchenden eine Stelle ablehnen, wenn die Führungskraft im Bewerbungsgespräch keinen guten Eindruck hinterlässt. Ein echtes Problem, schließlich handelt es sich bei den meisten Vorgesetzten nicht um Recruiting-Spezialisten und das Vorstellungsgespräch ist für sie eine ungewohnte Situation. Gibt es also bei demselben Vorgesetzten immer wieder bewerberseitige Absagen, wäre es eine Idee, die betreffende Führungskraft für zukünftige Bewerbungsgespräche umfassend zu schulen.

Das Gehalt bleibt nach wie vor ein Ausschlusskriterium

Zwar heißt es immer wieder, das Gehalt sei den Fachkräften von morgen nicht mehr so wichtig, doch kommt die Umfrage zu einem gegenteiligen Ergebnis: Mit 71 Prozent ist eine Enttäuschung der Gehaltsvorstellungen der zweithäufigste Grund für eine Jobabsage. Es kann also durchaus sinnvoll sein, die Gehaltsvorstellungen des Bewerbers bereits in der Stellenanzeige einzufordern, sodass dieser sie in sein Anschreiben einfügt. So können jene Kandidaten direkt aussortiert werden, deren Erwartungen weit über Ihrem Verfügungsrahmen liegen. Das spart Zeit, Geld und Enttäuschungen auf beiden Seiten.

Arbeitsinhalte und -atmosphäre müssen stimmen

Durch die Stellenausschreibung oder den Erstkontakt entstehen beim Jobkandidaten entsprechende Erwartungen – nicht nur beim Gehalt. Werden diese enttäuscht oder er fühlt sich sogar konkret belogen, folgt auf das Vorstellungsgespräch häufig eine Absage. So kam die Umfrage zu folgenden Ergebnissen:

  • 66 Prozent der Jobsuchenden lehnen ein Angebot ab, wenn das Unternehmen oder der Arbeitsplatz nicht ehrlich beschrieben waren.
  • 58 Prozent ziehen die Notbremse, wenn sie beim persönlichen Kennenlernen nicht mit den Gesprächsteilnehmern sympathisieren.
  • Für weitere 58 Prozent ist es ein No-Go, wenn die geschilderten Arbeitsinhalte nicht den Erwartungen entsprechen.
  • Und für 51 Prozent liegt der Grund für eine Absage darin, dass die Inhalte schlichtweg zu weit von der Schilderung in der Jobbeschreibung abweichen.

15 Prozent der Jobsuchenden erfahren es zudem als extrem unhöflich, zu lange auf ihren Gesprächspartner warten zu müssen, und sehen dies als ausreichenden Grund für eine Absage.

Bewerber werden nicht gerne unter Druck gesetzt

Viele Recruiter machen weiterhin den Fehler, den Bewerber zu sehr in die Mangel zu nehmen. Ein Vorstellungsgespräch ist kein Kreuzverhör und wo sich der Kandidat unwohl beziehungsweise unter Druck gesetzt fühlt, geht er ebenfalls lieber zur Konkurrenz. So ist es für 42 Prozent der Befragten ein absolutes No-Go, im Interview gezielt unter Druck gesetzt zu werden. 25 Prozent neigen ebenfalls zu einer Absage, wenn sie unvorbereitet einem Test unterzogen werden.

Was können Recruiter aus diesen Erkenntnissen lernen?

Für Recruiter bedeutet das also, dass ein Umdenken stattfinden muss. Ein Vorstellungsgespräch dient nicht dazu, den Bewerber auf Herz und Nieren zu prüfen. Stattdessen sollte es ein gegenseitiges Kennenlernen auf einer persönlichen Ebene darstellen. Je besser die Atmosphäre, je höher die Sympathie zwischen den Gesprächsteilnehmern und je exakter die Realität die Erwartungen erfüllen kann, umso geringer ist die Gefahr einer Jobabsage durch den Bewerber. Schlussendlich bedeutet modernes Recruiting also, dass sich auch der Arbeitgeber beim potenziellen neuen Arbeitnehmer bewirbt – und nicht (mehr) nur umgekehrt.

Welche Situationen würden Sie als Bewerber zu einer Jobabsage bewegen? Was sollten Recruiter Ihrer Meinung nach in Zukunft verbessern? Wie sehen Sie das Thema aus HR-Sicht? Vielen Dank für Ihre Kommentare!


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