Sabbatical: Oft gewünscht, selten umgesetzt – aber wieso?

Rund die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer träumt von einer Auszeit, dem sogenannten Sabbatical. Wieso also setzen die wenigsten diesen Wunsch um?


Sabbatical: Ein paar Wochen, Monate oder sogar ein Jahr Auszeit. Am Strand liegen, die Welt umrunden, das Haus in Ruhe fertig bauen oder intensiv mit den Kindern spielen – und das bei gleichbleibender Bezahlung. Klingt das nicht traumhaft? Ja, denken sich rund 43 Prozent der deutschen Arbeitnehmer (Quelle: Business Insider). Sie hegen den dringenden Wunsch, einfach einmal der Arbeit für längere Zeit den Rücken zu kehren und wieder Raum für sich selbst, ihre Hobbys oder ihre lang gehegten, aber nie umgesetzten, Pläne zu haben. Manch einer ist auch einfach völlig ausgebrannt, steuert geradewegs auf ein Burnout zu und sehnt sich nach der Auszeit als letzten Rettungsanker. Wenn sich also 43 Prozent der Deutschen denken „Ich muss hier weg“ – wieso ist dann die Anzahl der tatsächlich in Anspruch genommenen Sabbaticals so verschwindend gering?

Gibt es ein „Recht auf die berufliche Auszeit“?

Was genau ein Sabbatical ist und dass theoretisch jeder Arbeitnehmer eine berufliche Auszeit beantragen kann, haben wir Ihnen bereits im Artikel „Auszeit dank Sabbatical – Wie funktioniert es?“ erläutert. Ein Recht auf diese Auszeit haben Sie allerdings nicht. So steht jedem Arbeitnehmer zwar frei, seinen Arbeitgeber um ein Sabbatical zu bitten, dieser wiederum kann aber ebenso frei darüber entscheiden, ob er dieses genehmigen oder ablehnen möchte. Diese „gesetzliche“ Lücke hat aber nicht nur Nach-, sondern auch Vorteile: Aufgrund der fehlenden rechtlichen Regelungen zum Sabbatical, haben Sie ganz individuelle Gestaltungsmöglichkeiten:

  • Wann möchten Sie eine berufliche Auszeit nehmen?
  • Wie lange soll das Sabbatical dauern?
  • Welche Bezahlung ist während der Auszeit gewünscht?
  • Inwiefern holen Sie die „verlorene“ Arbeitszeit wieder rein?
  • Wie sieht es mit der Erreichbarkeit während Ihres Sabbaticals aus?

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Ihr Arbeitgeber für solche Verhandlungen offen ist – und hier liegt auch schon das größte Problem.

Viele Arbeitnehmer haben Angst, eine Auszeit zu fordern – nicht unbegründet

Auch, wenn die Akzeptanz der beruflichen Auszeit in deutschen Unternehmen mehr und mehr wächst, haben viele Arbeitgeber noch einen langen Weg vor sich. Wer um eine Auszeit bittet, wird schnell als unmotiviert, schwach oder auch faul abgestempelt. Viele Arbeitgeber tragen nach wie vor die mittlerweile veralteten Werte mit sich, dass sich ein „guter“ Mitarbeiter für seine Arbeit aufzuopfern hat. Wer also durchscheinen lässt, dass eine Weltreise, Zeit mit der Familie oder einfach ein wenig Raum zum Faulenzen höhere Priorität im Leben haben als der Job, hinterlässt das bei konservativeren Arbeitsgebern schnell einen schlechten Eindruck. Da kann schon die reine Frage nach dem Sabbatical das Aus für die Karriere bedeuten. Wer falsche Signale sendet, fällt von der Karriereleiter. Ende der Geschichte!

Nur zwölf Prozent der Arbeitgeber bieten ein Sabbatical an

Zum Glück gibt es aber auch eine andere Art von Arbeitgeber: Den aufgeschlossenen, fortschrittlichen mit einem Bewusstsein für die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Mit zunehmendem Fachkräftemangel hat der moderne Arbeitnehmer es nämlich schlichtweg nicht mehr „nötig“, sein gesamtes Leben auf die Arbeitsstelle auszurichten. Hoch qualifizierte Fachkräfte, zum Beispiel in den Bereichen Informatik und Maschinenbau, haben oftmals schon direkt nach ihrem Abschluss zahlreiche attraktive Jobangebote vorliegen. Bewerbungsmarathon? Von wegen! Die moderne Fachkraft hat die Qual der Wahl und jener Arbeitgeber, der nicht überzeugen kann, fliegt aus dem Rennen.

Der Arbeitnehmer von heute setzte auf immaterielle Werte

Und wie überzeugt ein Arbeitgeber die Fachkräfte von heute? Klar sind eine attraktive Vergütung oder der Firmenwagen sowie hohe hierarchische Führungspositionen immer noch ein durchschlagendes Argument. Sozioökonomen können aber seit einigen Jahren einen völlig anderen Trend ausmachen: Solch materielle Werte verlieren in der jungen Generation Y zunehmend an Bedeutung und werden durch immaterielle Werte ersetzt. Die moderne Arbeitskraft wünscht sich stattdessen eine ausgewogene Work-Life-Balance, Freizeit, eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, eine sinnhafte Tätigkeit sowie flexible Arbeitszeitmodelle – also zum Beispiel das Sabbatical. Der Arbeitnehmer von heute möchte etwas erleben, anstatt sein Leben nur mit Arbeit zu verbringen.

Ein Umdenken findet statt, aber wie schnell?

Wer als Arbeitgeber also langfristig hoch qualifizierte Fachkräfte für das Unternehmen gewinnen und auch dauerhaft binden möchte, muss mit dem Trend gehen. Ein Bewusstsein, das leider erst bei rund zwölf Prozent der Arbeitgeber festzustellen ist, vor allem in den vom Fachkräftemangel betroffenen Branchen. Zwar ist zu erwarten, dass in Zukunft immer mehr Arbeitgeber nachziehen und solch flexible Arbeitszeitmodelle anbieten werden – wie schnell diese Entwicklung voranschreitet, ist allerdings unmöglich vorauszusagen.

So mancher Job lässt ein Sabbatical schlichtweg nicht zu

Doch nicht nur der Arbeitgeber stellt sich dem Sabbatical häufig quer – oder die Angst des Arbeitnehmers, überhaupt danach zu fragen – sondern auch der Job an sich kann diesem im Weg stehen. Gerade in kleinen Betrieben mit einer Handvoll Mitarbeitern, kann der einzelne unverzichtbar sein. Klar, dass der Arbeitgeber dann nicht bereit ist, für drei, sechs oder auch zwölf Monate eine neue Arbeitskraft als Vertretung einzustellen. Die Zusatzkosten sowie die aufwändige Zeit zum Einlernen lohnen sich nämlich nur schwerlich für diesen kurzen Zeitraum. Fachkräftemangel hin oder her – nicht jedes Unternehmen und jeder Job können sich so ein Sabbatical leisten. Hier sind auf jeden Fall die Angestellten in Großunternehmen gegenüber ihren Kollegen in KMUs im Vorteil.

Wann also sollten Sie nach einem Sabbatical fragen…

Ob ein Sabbatical in Ihrer individuellen Situation sinnvoll und überhaupt möglich ist, müssen Sie schlussendlich im Einzelfall entscheiden. Sie wissen schließlich am besten, ob Ihr Job eine solche berufliche Auszeit zulässt, zum Beispiel hinsichtlich einer Vertretung, und ob es sich bei Ihrem Arbeitgeber eher um einen konservativ oder modern gesinnten Zeitgenossen handelt. Sind berufliche Auszeiten und flexible Arbeitszeiten in Ihrem Unternehmen Gang und Gäbe, vielleicht sogar im Leitbild verankert? Dann fassen Sie den Mut und bitten Sie um ein Sabbatical. Bringen Sie gute Argumente vor und halten Sie bestenfalls bereits konkrete Gestaltungsvorschläge für die Auszeit bereit. Tipps hierfür finden Sie im Artikel „Auszeit dank Sabbatical – Wie funktioniert es?“.

…und wann lieber nicht?

Wenn Sie allerdings befürchten, sich durch die Frage nach einem Sabbatical bei Ihrem Vorgesetzten ins Aus zu schießen, sollten Sie unbedingt Vorsicht walten lassen. Zumindest dann, wenn Sie einen beruflichen Aufstieg anstreben. Sollte der Gedanke an eine Karriere Sie hingegen kalt lassen, Sie fühlen sich mit Ihrem Job wohl, genießen die Sicherheit des unbefristeten Arbeitsvertrages, können von Ihrem Gehalt gut leben und verweilen hier gerne als „Industriebeamter“ noch für weitere zehn, 20 oder auch 30 Jahre, dann steht der Frage nach einer Auszeit ebenso nichts im Wege.

Sie sehen: Ob Sie ein Sabbatical fordern, wann und wie, ist stets eine Frage der Unternehmenskultur sowie Ihrer ganz persönlichen beruflichen Ziele. Wir können Ihnen daher leider kein allgemeingültiges „Geheimrezept“ mit auf den Weg geben. Und irgendwie wundert es da auch plötzlich nicht mehr, dass von den 43 Prozent der Deutschen, die sich nach einem Sabbatical sehnen, nur ein Bruchteil diesen Traum Wirklichkeit werden lässt, oder?

Achtung: Manchmal ist die Kündigung sinnvoller als ein Sabbatical

Einen gut gemeinten Rat haben wir zum Schluss aber doch noch für Sie: Wenn Sie sich aus gesundheitlichen Gründen eine berufliche Auszeit wünschen, kann eine Kündigung der sinnvollere Weg sein. Zumindest dann, wenn Ihre Krankheit aus Ihrer Arbeit resultiert, zum Beispiel weil Sie hier überfordert sind, sich im Betriebsklima nicht wohl fühlen oder sogar gemobbt werden. Selbst bei einer Erholung während des Sabbaticals, wäre dann nämlich anschließend keine Besserung der Situation in Sicht und Ihre gesundheitlichen Beschwerden werden prompt mit Ihrer Rückkehr wieder einsetzen. Auch, wenn Ihre gesundheitlichen Probleme physischer oder psychischer Art nicht (nur) durch die Arbeit bedingt sind, eine Auszeit aber aus den geschilderten Gründen nicht möglich ist, kann eine Kündigung der richtige Schritt sein. Prüfen Sie daher erst einmal für sich Ihre „Motive“ für den Wunsch nach einem Sabbatical. Es ist schließlich am Ende nur eine Alternative von vielen. Auch eine Umschulung, interne Versetzung oder eben der Jobwechsel können manchmal wahre Wunder bewirken und Ihr Leben zum Besseren verändern.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema gemacht? Wünschen auch Sie sich eine berufliche Auszeit und wie würden Sie diese nutzen? Was denken Sie vielleicht als Arbeitgeber vom Sabbatical? Wir sind gespannt auf Ihre Anregungen und Kommentare.


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