Weinen im Büro: menschlich oder tabu?

Tränen haben die verschiedensten Gründe. Diese reichen von der klassischen Trauer über Wut bis hin zu Freude. Auch im beruflichen Alltag kann es hin und wieder passieren, dass die Tränen fließen.


Der Mensch weint, um einer bestimmten Emotion Ausdruck zu verleihen. Warum genau wir weinen, können Forscher bis jetzt nicht übereinstimmend erklären. Die meisten Theorien rücken den sozialen Aspekt in den Mittelpunkt. Demzufolge weinen wir, um die Beziehung zwischen Menschen zu stärken. Am deutlichsten wird das, wenn man an ein weinendes Kind denkt. Kaum einer wird dem Drang wiederstehen können, das Kind zu trösten und den Tränenfluss somit zu stoppen. Doch nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene weinen – meist dann, wenn Sie traurig sind. Auch andere Situationen und Gefühle – beispielsweise Wut, Überforderung, negative Kritik oder auch Hohn – können dazu beitragen, dass ein Mensch in Tränen ausbricht. Was, wenn ein solches Szenario im Büro stattfindet?

Tränen in der Arbeitswelt – Ein kontroverses Thema

Eines ist Fakt und absolut indiskutabel: Weinen ist menschlich und somit ein fester Bestandteil unseres Verhaltens. Trotzdem sorgt es immer wieder für Irritation, Verlegenheit, Bestürzung und pure Unsicherheit, wenn unser Gegenüber in Tränen ausbricht. Das liegt daran, dass der Mensch den Prozess des Weinens nicht (oder nur äußerst selten) kontrollieren kann. Dementsprechend unsicher und unbehaglich fühlen wir uns auch, wenn unser Gesprächspartner plötzlich anfängt, zu weinen.

Ein weiteres „Problem“, wenn es um das Thema weinen geht: Tränen werden nahezu immer als Schwäche gewertet. Wer weint, gilt als verletzlich und weniger belastbar – eine Assoziation, die dazu führt, dass Weinen in vielen Berufen verrufen ist und als Tabu gilt. Dass es sich hierbei jedoch nicht um ein übergreifendes Phänomen handelt, zeigen beispielsweise Sportler und Schauspieler – also Berufsgruppen, die sehr stark emotional aufgeladen sind. Wenn ein Fußballer nach Sieg oder Niederlage weint oder sich eine Schauspielerin tränenreich für einen Preis bedankt, ist das das Normalste der Welt. Schaut man hingegen in Büros, auf Baustellen oder in Fabriken, sieht die Lage ganz anders aus. Hier gilt: Wer weint, zeigt Schwäche und ist dadurch angreifbar.

Info: Besonders für Männer und auf der Führungsebene ist Weinen weiterhin branchenübergreifend ein absolutes Tabu, das auch ein Karriere-Aus bedeuten kann.

Von Heulsusen und emotionalen Eisblöcken

Frauen weinen häufiger als Männer. Das wird nicht nur durch Untersuchungen, sondern auch ganz persönliche Erfahrungen bestätigt. Warum jedoch das „starke Geschlecht“ so selten und das vermeintlich „schwache“ so oft weint, ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass Mädchen und Jungen im Laufe ihrer sozialen Entwicklung unterschiedlich behandelt werden, wenn sie weinen. Während es bei den Mädchen akzeptiert wird, wird Jungen recht früh beigebracht, dass Tränen ein Zeichen von Schwäche sind und vermieden werden sollten.

Wie oft wir (öffentlich) weinen, hängt jedoch nicht nur vom Geschlecht ab, sondern auch davon, wie sensibel wir sind. Während einige Menschen so ziemlich alles und jeden an sich heranlassen und dementsprechend nah am Wasser gebaut sind, wahren andere die nötige Distanz, um Emotionen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Was tun, wenn man im Büro in Tränen ausbricht?

Es ist die wohl unangenehmste Situation, die man sich als Arbeitnehmer vorstellen kann: Das Gespräch mit dem Chef oder das Meeting mit der gesamten Abteilung läuft alles andere als gut und endet im Debakel. Die emotionale Herausforderung (sei es in Form von Kritik, Ablehnung, mangelhaftem Respekt etc.) gipfelt in einem Tränenausbruch und dem Gefühl, vor versammelter Mannschaft blank zu ziehen. Keine Frage: Wer weint, trägt sein Inneres nach außen und zeigt, dass er verletzt wurde. Die wenigsten Menschen können in dieser Situation noch erhobenen Hauptes über den Dingen stehen.

Wenn Sie zu denen gehören, die einen Tränenausbruch nicht so einfach wegstecken, empfehlen wir Ihnen die folgende Vorgehensweise:

  • Entschuldigen Sie sich – nicht für die Tränen, sondern für die Unterbrechung, die dadurch zustande kommt
  • Bitten Sie Ihren Vorgesetzten darum, sich für einen Moment zurückziehen zu dürfen
  • Suchen Sie sich einen Ort der Ruhe (das muss nicht unbedingt die klischeehafte Toilette sein)
  • besser: Gehen Sie nach draußen und schnappen Sie frische Luft
  • Sortieren Sie Ihre Gedanken und finden Sie den Grund für Ihren Tränenausbruch (nicht immer ist es die Kritik des Chefs, sondern vielleicht auch ein tiefergehendes Problem)
  • Bauen Sie keine Mauer um sich herum, sondern nehmen Sie die Hilfe der Kollegen an
  • Suchen Sie das Gespräch zu Ihrem Vorgesetzten (oder dem Kollegen mit der höchsten Position) und erklären Sie den plötzlichen Emotions-Ausbruch mit wenigen Worten

Wichtig: Stellen Sie die Tränen nicht so hin, als wäre es ein Moment der Schwäche gewesen. Weiterhin sollten Sie keine allzu große Sache aus der Wein-Attacke machen. Es ist nicht notwendig, sich vor jedem einzelnen Beteiligten zu rechtfertigen und Details aus Ihrem Privatleben preiszugeben.


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